Eine Oper über mein Ich

nach Emilio de' Cavalieri

              
In jedem Menschen brennt die Frage nach dem Geheimnis seiner Existenz und seiner Vergänglichkeit. Der Vorstoß in die unbekannten Welten seines Ichs bringt statt erhoffter Antworten häufig erneute Ungewissheiten:  von einem Weiterleben in einer anderen, besseren Welt bis hin zum bloßen Zerfall in Staubteile des materiellen Nichts. Zu schnell vergeht die Zeit, zerfällt der Körper. Übrig bleibt die Frage nach dem wohin.

So schafft sich jeder Mensch nebst seiner existierenden Welt eine neue, für ihn unbekannte, eine Welt des Glaubens oder eine einer neuen virtuellen Existenz.

Bin ich ich oder existiere ich mehrfach?

Diese Zerrissenheit thematisiert Emilio de‘ Cavalieri in seinem allegorisch, dramatischen Werk „La rappresentatione di anima e di corpo“  - „Die Darstellung der Seele und des Körpers“ aus dem Jahre 1600.



Die Gegenüberstellung der Weltenlust, der Erotik, des Lasters mit  der verinnerlichten Erlösungssehnsucht und Ewigkeitshoffnung, der Todesfurcht und der Askese führen zu einer gefährlichen inneren Zerreißprobe, der menschlichen Kernspaltung:
Der Mensch als Spielball seiner Alpträume in seiner Vergänglichkeit.

mit Jana Baumeister, Gertrud Demmler-Schwab, Katharina Heiligtag, Robert Eller, Manuel Krauß, Roland Klappstein, Benedikt Nawrath und Johannes Reichert

Musik: Gert Kaiser, Sandra Engel, Stefan Frank, Heymo Hirschmann, Paul Meiler, Tobias Zillner, Georg Ongert, Corinna Zimprich und Axel Dinkelmeyer.

Musikalische Bearbeitung und Leitung: Franz Killer
Regie: Rainer Holzapfel
Kostüme: Evelyn Straulino
Sound-Design: Peter Heider
Dramaturgie: Susanne Hörburger


Eintritt: 20,00 Euro; ermäßigt 15,00 Euro
Telefonische Informationen und Kartenreservierungen unter Tel. 0911 / 32 90 47
oder per e-mail: info@pocket-opera.de
Kartenvorverkauf: Tel. 0911 / 231 40 00



Premiere: Donnerstag, 22.Oktober 2009, 20.00 Uhr
Weitere Vorstellungen: 25., 27. und 29. Oktober 2009
1., 3. und 5. November 2009 jeweils 20.00 Uhr

Ort:
Diskothek "Planet" Nürnberg, Klingenhofstraße 40

Die Produktion "Petrolio" wird gefördert von der Kingdon-Grünwald-Stiftung.


Aktuelle Pressestimmen: Nürnberger Nachrichten vom 24.10.2009

Leib und Seele streiten in der Disco


Pocket Opera möbelt ein Cavalieri-Oratorium in Nürnberg zeitgemäß auf
 Leib und Seele streiten in der Disco


NÜRNBERG - Einen Volltreffer landete die Pocket Opera Company (POC) mit ihrem jüngsten Stück «Petrolio«: Sie kleidete Emilio de‘ Cavalieris «La rappresentatione di anima e di corpo« (Spiel von Seele und Leib) aus dem Jahr 1600 in ein zeitgemäßes Gewand. Das Publikum in der Disco «Planet« in Nürnberg-Klingenhof war begeistert.

Petrolio heißt Erdöl. Und genauso heißt auch ein gewaltiges Roman-Fragment von Pier Paolo Pasolini, in dem es um einen erfolgreichen Ingenieur in der petrochemischen Industrie geht, der in seinem zweiten Sein fantasiesprengende sexuelle Obsessionen auslebt. Ein typischer Pasolini-Stoff. Psyche und Physis fochten in seinen Büchern und Filmen immer mächtige Kämpfe aus.

Die Aufsplittung in zwei Ichs, die personifizierte Bewusstseinsspaltung, das ist ein spannendes denkerisches Experiment, das aber schwer in Bilder umzusetzen ist. In der neuen POC-Produktion gelingt dies am konsequentesten dann auch erst in der Final-Szene: Zwei Casting-Kandidaten – Sie schüchternes Mauerblümchen, Er selbstbewusster Womanizer – stellen sich einer kritischen Jury.

Bissiger Teufel

Angestachelt von einem bissigen Teufel und einem angewärmten Engelchen (hinreissend komödiantisch: Robert Eller und Benedikt Nawrath) ist es ein toller Regieeinfall des Potsdamers Rainer Holzapfel, die Gesänge der ursprünglichen allegorischen Figurinen in Talentproben umzuwandeln. Da werden rhetorisch ausgefeilt höllisches Feuer und himmlische Freuden beschworen, während die Darsteller ganz irdisch etwas verkörpern, was sie gar nicht sind: charismatische Showstars.

Bis dahin sollte man etwas Zeit und Stehvermögen mitbringen, denn die Sache ist nach bewährter Pocket-Art als Wandel-Performance gestaltet. Dafür bieten die verschiedenen «Lounges« der weiträumigen Diskothek im Nürnberger Norden auch akustisch hervorragende Voraussetzungen. Die Eingangssequenz: Ein Totentanz, der konduktartig über bestimmt fünfzig Meter führt, arbeitet mit aparten, abgestuften Echowirkungen, die tatsächlich hörbar werden.

Hohes Niveau

Überhaupt die Musik. Gerät sie zuweilen bei Pocket-Produktionen unter die aufführungstechnischen Räder, so präsentiert sie sich hier auf erstaunlichem Niveau. Franz Killer hat das Cavalieri-Original in ein klangsinnliches Band-Konzentrat überführt, in dem vor allem Paul Meiler auf seiner Naturtrompete herausragt.

Zudem wird bravourös gesungen: Die acht Vokaldarsteller (neben den Genannten noch Jana Baumeister, Gertrud Demmler-Schwab, Katharina Heiligtag, Johannes Reichert, Robert Eller und Manuel Krauss) haben sich Cavalieris monodischen Stil plastisch schwinged angeeignet. Diese Pocket ist kein zierliches Handtäschchen, sondern die große Reisetasche – einige Überraschungen inklusive.

Weitere Aufführungen: 25., 27. und 29. 10, 1., 3. und 5. 11.; Karten: unter Tel 09 11/ 32 90 47 oder im Internet.

j.v.

Aktuelle Pressestimmen: Abendzeitung Nürnberg vom 24.10.2009

Neulich beim Vorsingen

Die Pocket Opera sucht mit „Petrolio“ in der Nürnberger Disco Planet das Ich, findet aber Ehekräche, Castingopfer und wunderbare Musik

Am Ende löst sich die Sinnfrage in Heiterkeit auf: Wenn sich ein transig-trashiges Engelchen (Publikumsliebling Benedikt Nawrath) und ein operettenhafter Teufel als Moderatorenteam um zwei Castingshow-Kandidaten kümmern, über die der Chor einer Heiligen-Jury richtet, kennen Spaß und Wohlklang kaum Grenzen. Dass es sich bei Thomas (robust: Roland Klappstein) und Sabine (balsamisch: Jana Baumeister) eigentlich um Körper und Seele handelt, wissen nur Programmheftleser.

Denn hinter „Petrolio - eine Oper über mein ich“ verbirgt sich Emilio de‘ Cavalieris frühbarockes Musiktheater „La rappresentatione di anima e di corpo“ (Die Darstellung von Seele und Körper). Doch weil italienisch ohne Übertitel gesungen wird, kann Regisseur Rainer Holzapfel den Kampf zwischen Sinnenfreuden und Heilserwartung in der Diskothek Planet widerspruchsfrei auf den aktuellsten Stand bringen.

Der entspricht einem Ehekrach am Tresen: Als sich ein junges Paar mit Kinderwagen in den Amüsiertempel verirrt, versackt der Vater am Tresen, wogegen die Mutter mit fliegenden Schnapsgläsern protestiert, sich auch vom schmierigen Verführer nicht korrumpieren lässt. Später spielt sich zum selben, umarrangierten Notenmaterial eine ähnliche Szene zwischen einem älteren Paar (beeindruckend: Gertrud Demmler-Schwab und Robert Eller) ab, das nach dem Sex ins Keifen kommt.

Warum? Das wird nicht recht klar. Hier offenbart der Abend ebenso Schwächen wie zu Beginn, als sich beim Totentanz auf dem langen Gang zwei Sängergruppen lemurenhaft aufeinander zu bewegen. Da klappert es heftig zwischen Musikern und Sängern, und der Grund der Prozession zwischen Fallsucht und Geisterbahnposen wird auch nicht offensichtlich.

Der Rest allerdings erschließt sich mühelos, was an den weiten monodischen Bögen mit ersten Affektansätzen und den knackigen Chören Cavalieris ebenso liegt wie an der fantastischen Orchestrierung des Generalbasses mit Marimba, Saxophonen, Pauken und Trompeten von Dirigent und Pocket-Chef Franz Killer. Dessen neun Musiker sind beschwingt bei der Sache und steigern sich ebenso wie die spielfreudigen Sänger, die das Publikum spätestens zum Finale in Klangräuschen baden. Ob das „Ich“ wirklich über Beziehungsstress und Casting-Shows zu erklären ist, ist da längst zur Nebensache geworden.
Georg Kasch

Aktuelle Pressestimmen: Nürnberger Zeitung vom 24.10.2009

«Petrolio«, das neue Projekt der Pocket Opera
Selbstfindungs-Gesänge in der Disko
 
Eine der ältesten Opern der Musikgeschichte in der Disko aufzuführen, ist ein verwegener Plan. Die Pocket Opera (POC) geht mit ihrem neuen Spielort im «Planet« aber recht taktvoll um: Statt Arien im HipHop-Sound und Cembalo zu heißen Rhythmen bietet «Petrolio«, eine Neufassung von Emilio de’ Cavalieris «Darstellung der Seele und des Körpers«, ein eher vorsichtiges Aufeinandertreffen von Barock und Jugendkultur.

Keine großen Effekte, keine Nebelmaschine, kein dröhnender Beat. Die Opern-Truppe zeigt sich eher intim und leise, kleine Kammerspiele stehen im Vordergrund. Die Soundkompositionen von Peter Haider berieseln zurückhaltend die Pausen zwischen den Akten. Der eine oder andere Disko-Neuling mag vielleicht bei der Premiere am Donnerstag etwas enttäuscht gewesen sein. Denn, wie es eine ältere Dame so schön auf den Punkt brachte: «Wann komme ich schon mal wieder in eine Disko!«

Der erste Akt hat mit Disko nichts zu tun, er startet düster: In Zeitlupe ziehen die Sänger mit einem abstrakten Totentanz durch einen langen Gang. Sie verharren, singen direkt neben den Zuschauern und entschwinden mit wehmütigen Gesängen. Der zweite Akt führt ins Leben zurück: In der Bar streitet sich ein junges Paar, wirft sich Schimpfwörter an den Kopf und Gläser zu Boden.

Gespiegelt wird die Szene durch das Beziehungsdrama eines älteren Paares: Entfremdet und doch voller Sehnsucht stehen sich die beiden gegenüber. Hier greift die Diskowelt zum ersten Mal mit voller Wucht in die Handlung ein. Lichteffekte und treibende Musik überlagern eine wüste Szene: Das Paar (Robert Eller und Gertrud Demmler-Schwab) reißt sich die Kleider vom Leib und liebt sich auf dem Sofa. Danach folgt die Ernüchterung. Eindringlicher als Bariton Robert Eller kann man die postkoitale Schwermut kaum besingen.

Der Höhepunkt kommt dennoch erst zum Schluss. Die Neufassung «Petrolio«, die sich als «Oper über mein Ich« versteht, mündet mit ihren Fragen nach Sinn und Sein ganz anders als die Urfassung von Cavalieri nicht in der göttlichen Erlösung. Der Schlussakt entführt an einen modernen Schauplatz des Scheins und der Verführung – in die Casting- Show. Zwei Sänger sind der Jury ausgeliefert, der Teufel (Robert Eller) und ein Engel (Benedikt Nawrath) höchstpersönlich moderieren. Ein herrlich neckisches Treiben, das doch noch das richtige Disko-Feeling aufkommen lässt.
Nina Zschiesche









Fotos: Haga Schmidt

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