Aktuelle Pressestimmen: Nürnberger Nachrichten vom 24.10.2009
Leib und Seele streiten in der Disco
Pocket Opera möbelt ein Cavalieri-Oratorium in Nürnberg zeitgemäß auf
Leib und Seele streiten in der Disco
NÜRNBERG - Einen Volltreffer landete die Pocket Opera Company (POC) mit ihrem jüngsten Stück «Petrolio«: Sie kleidete Emilio de‘ Cavalieris «La rappresentatione di anima e di corpo« (Spiel von Seele und Leib) aus dem Jahr 1600 in ein zeitgemäßes Gewand. Das Publikum in der Disco «Planet« in Nürnberg-Klingenhof war begeistert.
Petrolio heißt Erdöl. Und genauso heißt auch ein gewaltiges Roman-Fragment von Pier Paolo Pasolini, in dem es um einen erfolgreichen Ingenieur in der petrochemischen Industrie geht, der in seinem zweiten Sein fantasiesprengende sexuelle Obsessionen auslebt. Ein typischer Pasolini-Stoff. Psyche und Physis fochten in seinen Büchern und Filmen immer mächtige Kämpfe aus.
Die Aufsplittung in zwei Ichs, die personifizierte Bewusstseinsspaltung, das ist ein spannendes denkerisches Experiment, das aber schwer in Bilder umzusetzen ist. In der neuen POC-Produktion gelingt dies am konsequentesten dann auch erst in der Final-Szene: Zwei Casting-Kandidaten – Sie schüchternes Mauerblümchen, Er selbstbewusster Womanizer – stellen sich einer kritischen Jury.
Bissiger Teufel
Angestachelt von einem bissigen Teufel und einem angewärmten Engelchen (hinreissend komödiantisch: Robert Eller und Benedikt Nawrath) ist es ein toller Regieeinfall des Potsdamers Rainer Holzapfel, die Gesänge der ursprünglichen allegorischen Figurinen in Talentproben umzuwandeln. Da werden rhetorisch ausgefeilt höllisches Feuer und himmlische Freuden beschworen, während die Darsteller ganz irdisch etwas verkörpern, was sie gar nicht sind: charismatische Showstars.
Bis dahin sollte man etwas Zeit und Stehvermögen mitbringen, denn die Sache ist nach bewährter Pocket-Art als Wandel-Performance gestaltet. Dafür bieten die verschiedenen «Lounges« der weiträumigen Diskothek im Nürnberger Norden auch akustisch hervorragende Voraussetzungen. Die Eingangssequenz: Ein Totentanz, der konduktartig über bestimmt fünfzig Meter führt, arbeitet mit aparten, abgestuften Echowirkungen, die tatsächlich hörbar werden.
Hohes Niveau
Überhaupt die Musik. Gerät sie zuweilen bei Pocket-Produktionen unter die aufführungstechnischen Räder, so präsentiert sie sich hier auf erstaunlichem Niveau. Franz Killer hat das Cavalieri-Original in ein klangsinnliches Band-Konzentrat überführt, in dem vor allem Paul Meiler auf seiner Naturtrompete herausragt.
Zudem wird bravourös gesungen: Die acht Vokaldarsteller (neben den Genannten noch Jana Baumeister, Gertrud Demmler-Schwab, Katharina Heiligtag, Johannes Reichert, Robert Eller und Manuel Krauss) haben sich Cavalieris monodischen Stil plastisch schwinged angeeignet. Diese Pocket ist kein zierliches Handtäschchen, sondern die große Reisetasche – einige Überraschungen inklusive.
Weitere Aufführungen: 25., 27. und 29. 10, 1., 3. und 5. 11.; Karten: unter Tel 09 11/ 32 90 47 oder im Internet.
j.v.